Kreativität, Risiko und die Wahrheit: 5 Fakten über die bipolare Störung, die Sie kennen sollten

Die Vorstellung einer bipolaren Störung ist oft von dramatischen Bildern geprägt: ein ständiges Auf und Ab zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Doch die Realität dieser komplexen Erkrankung ist weitaus überraschender und nuancierter. Sie ist keine reine Stimmungsstörung, sondern eine Systemerkrankung, die den ganzen Körper betrifft. Dieser Artikel beleuchtet einige der erstaunlichsten Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung und stellt gängige Annahmen auf den Prüfstand.

1.Die überraschende Verbindung zu Kreativität und Führung

Eine bipolare Veranlagung ist überdurchschnittlich oft in kreativen Berufen zu finden. Viele bekannte Persönlichkeiten, darunter Schauspieler und Sänger, berichten, dass sie jahrelang von einer Welle aus Kreativität, Leistungsfähigkeit und Erfolg getragen wurden. Dieser faszinierende Zusammenhang stellt das Stigma der Erkrankung in Frage und deutet darauf hin, dass die genetische Veranlagung in subklinischen Formen sogar Vorteile im Leben haben kann.

Noch überraschender ist die Beobachtung, dass Angehörige von bipolar Erkrankten häufiger in Führungspositionen in Unternehmen zu finden sind. Dies legt nahe, dass bestimmte mit der Veranlagung verbundene Eigenschaften in manchen Kontexten förderlich sein können. Es ist jedoch entscheidend zu verstehen, dass dieser potenzielle Vorteil endet, sobald die Krankheit voll ausbricht und die Energie unkontrollierbar wird. Wie ein Experte klarstellt: “Wenn die Erkrankung ausbricht, dann nicht mehr in dem Sinne.”

2.Die verlorenen Jahre: Die 7-jährige Odyssee zur richtigen Diagnose

Im Durchschnitt dauert es schockierende sieben Jahre, bis eine bipolare Störung korrekt diagnostiziert wird. Diese enorme Verzögerung ist keine abstrakte Zahl; sie hat dramatische und messbare Konsequenzen. Für einen Menschen, der im Alter von 25 Jahren erkrankt, bedeutet dies statistisch gesehen:

Was diese 7-jährige Odyssee für Betroffene bedeutet, sind oft Jahre voller realer Krisen, die sich ereignen, lange bevor die richtige Diagnose gestellt wird: Beziehungsprobleme, Ehekrisen, Schwierigkeiten in Schule und Beruf, finanzielle Nöte und körperliche Gesundheitsprobleme als Folge der unbehandelten Symptome. Die Diagnose ist besonders in jungen Jahren (14-20) extrem schwierig, da sich die Symptome stark mit denen anderer Erkrankungen wie der Borderline-Störung, ADHS oder Angststörungen überschneiden.

3.Mythos “Bipolar Light”: Warum Bipolar-II keine leichtere Erkrankung ist

Die weit verbreitete Annahme, die Bipolar-II-Störung sei eine mildere Form der Erkrankung, ist ein gefährlicher Irrtum. Experten betonen, dass Bipolar II nicht weniger belastend ist als Bipolar I. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Sie ist genauso chronisch, kann mehr Krankheitsphasen aufweisen und das Suizidrisiko kann, insbesondere bei gemischten Symptomen, sogar höher sein.

Der vielleicht entscheidendste Punkt ist der Anteil der Depression. Depressive Phasen machen bei Bipolar II sogar 82 % der Krankheitszeit aus, verglichen mit 69 % bei Bipolar I. Ein Hauptgrund für die oft noch längere Diagnosezeit ist, dass die hypomanen Phasen – Phasen gehobener Stimmung, die weniger extrem als eine Manie sind – von Patienten und Angehörigen oft nicht als Krankheitssymptom erkannt werden. Stattdessen werden sie fälschlicherweise als ersehnte “gute Phase” nach einer Depression interpretiert, was die diagnostische Odyssee weiter verlängert.

4.Ein medizinisches Paradox: Können Psychopharmaka das Schlaganfallrisiko senken?

Als Systemerkrankung ist die bipolare Störung mit chronischen Entzündungsprozessen im Körper verbunden, die das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Es ist daher bekannt, dass psychiatrische Erkrankungen wie die bipolare Störung, Schizophrenie und Depression mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko einhergehen.

Eine beeindruckende taiwanesische Registerstudie mit drei Gruppen von je 30.000 Patienten und 90.000 Kontrollpersonen kam jedoch zu einem unerwarteten Ergebnis. Der kontraintuitive Befund: Eine höhere kumulative Einnahme von Antidepressiva, Antipsychotika und den meisten Stimmungsstabilisatoren war mit einem verringerten Schlaganfallrisiko assoziiert (Lithium war neutral). Forscher vermuten, dass dies nicht nur an der direkten Wirkung der Medikamente liegt, sondern auch daran, dass eine stabile Behandlung zu einer insgesamt gesünderen Lebensweise führen kann. Dies stellt die oft einseitige Kritik an Nebenwirkungen in Frage und deutet auf einen potenziell schützenden Effekt hin.

5.Lithium: Warum das älteste Medikament immer noch der Goldstandard ist

Lithium ist das “älteste, aber bis heute beste” Medikament zur Phasenprophylaxe. Seine Geschichte ähnelt der von Aspirin: Seine vielfältigen Wirkungen – von der Stimmungsstabilisierung über neuroprotektive bis hin zu antisuizidalen Effekten – wurden erst über Jahrzehnte nach und nach entdeckt.

Litium wird als Firstline, als Goldstandard bezeichnet in der Rezidivprophylaxe in der Verhinderung künftiger affektiver Episoden.

In der deutschen S3-Leitlinie hat Lithium als einziges Medikament seiner Art eine “A-Empfehlung”, die stärkste Stufe. Der Mythos, es verliere nach dem Absetzen seine Wirksamkeit, stammt aus alten Studien mit einer kleinen Gruppe hochgradig therapieresistenter Patienten. Eine neuere Metaanalyse zeigt: Dieses Phänomen ist mit 17,3 % selten und über 80 % der Patienten sprechen erneut darauf an. Die vielleicht überraschendste Erkenntnis kommt aus der Umweltforschung: Regionen mit natürlich höheren Lithium-Spuren im Trinkwasser weisen in der Allgemeinbevölkerung niedrigere Suizid- und Demenzraten auf.

Schlussfolgerung: Ein neues Verständnis

Die bipolare Störung ist eine komplexe Systemerkrankung, die weit über einfache Stimmungsschwankungen hinausgeht. Sie berührt Aspekte von Kreativität, körperlicher Gesundheit und existenziellen Risiken auf eine Weise, die oft paradox und überraschend ist.

Was bedeutet es für unsere Gesellschaft und unseren Umgang mit psychischer Gesundheit, wenn wir beginnen, die volle, oft paradoxe Komplexität von Erkrankungen wie der bipolaren Störung anzuerkennen und die damit verbundenen Potenziale ebenso wie die Risiken zu sehen?

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