Ich bin eben so: Der erste Schritt, sich selbst neu zu verstehen

Wenn ich die Psychiatrie aus einer sehr weiten Perspektive betrachte, kann man Behandlung in drei große Bereiche einteilen. Der erste Bereich ist Psychoedukation. Und eigentlich ist genau das der Bereich, den ich mit diesem Podcast berühren möchte.

Wir Ärztinnen und Ärzte versuchen, im Licht wissenschaftlicher Forschung den Menschen und das Menschsein besser zu verstehen. Depression, Angststörung, Zwangsstörung, ADHS, Autismus … Wir verwenden viele Begriffe. Aber all diese Begriffe sind letztlich Konzepte, die uns helfen sollen, den Menschen besser zu begreifen. Sie sind nicht dafür da, Menschen in enge Schubladen zu stecken, sondern dafür, ihre Schwierigkeiten, Gefühle, Verhaltensweisen und ihre innere Welt verständlicher zu machen.

Sowohl in meiner klinischen Praxis als auch in diesem Podcast ist mir besonders wichtig, diese Konzepte reichhaltig, verständlich und menschlich zu erklären. Denn eine der wichtigsten Aufgaben von Therapeutinnen und Therapeuten ist aus meiner Sicht, eine Sprache zu schaffen, durch die ein Mensch sich selbst besser verstehen kann.

Es gibt dabei einen sehr grundlegenden Punkt, den ich betonen möchte: Ganz am Anfang, also im nullten Schritt, müssen wir uns auf derselben Ebene begegnen.

„Ich bin depressiv.“
„Ich habe eine Angststörung.“
„Ich bin chaotisch.“
„Ich bin wertlos.“
„Ich bin eben so.“

Solche Sätze können manchmal wie Sätze wirken, die uns schützen wollen. Aber oft werden sie zu Sätzen, die uns die Tür zur Heilung hart vor der Nase zuschlagen. Denn wenn ein Mensch sich vollständig mit einer Diagnose, einer Eigenschaft oder einem Gefühl von Mangel identifiziert, gibt er die Möglichkeit zur Veränderung manchmal unbemerkt aus der Hand.

Dabei sind all diese Dinge menschlich. Depression, Angst, Unaufmerksamkeit, Zwänge, Beziehungsprobleme … All das sind Erfahrungen, die irgendwo im Menschsein ihren Platz haben.

In dem, was wir als ADHS zu erklären versuchen, können auch Anteile liegen, die einer Depression ähneln. In dem, was wir Angst nennen, können zwanghafte Muster enthalten sein. Manchmal trägt eine Diagnose die Spur eines anderen Gefühls in sich. Und manchmal verbirgt sich unter einem Verhalten ein sehr alter Versuch, sich zu schützen.

Deshalb möchte ich in diesem Podcast den Satz „Ich bin eben so“ aus einer Haltung der Flucht oder der Resignation herausholen und ihn an einen stärkeren Ort bringen.

Lasst uns die schwere Last, die in „Ich bin eben so“ stecken kann, ein Stück zur Seite legen. Lasst uns stattdessen aus einer Perspektive auf uns selbst schauen, in der wir sagen können: „Ich bin ein Mensch, und ich bin so.“ Mit weniger Verurteilung, mit weniger innerem Druck und mit einer etwas weiter geöffneten Tür zur Heilung.

Mein Ziel ist es auch, dazu beizutragen, dass Psychotherapie weniger tabuisiert wird. Denn Therapie ist nicht nur etwas, das man erst dann braucht, wenn es einem „sehr schlecht“ geht. Therapie bedeutet, sich selbst kennenzulernen. Die eigenen Gefühle, Beziehungen, wiederkehrenden Muster, Ängste, Abwehrmechanismen und Bedürfnisse besser zu verstehen. Deshalb denke ich, dass Therapie eigentlich ein Bereich ist, mit dem jeder Mensch auf irgendeine Weise in Berührung kommen sollte.

„Ben Böyleyim“ möchte ich auch aus dieser Perspektive verstehen: als Versuch, den kreativen, flexiblen und ums Überleben bemühten Geist, den wir in uns tragen, neu zu beschreiben.

Dieser Ausdruck ist kein Fluchtsatz.
Es geht um ein Reframing der Identität.

Also nicht:
„Ich bin eben so, ich kann mich nicht verändern.“

Sondern:
„Ich bin vielleicht so geworden, aber ich kann mich neu verstehen und mich neu aufbauen.“

Genau darum geht es mir in diesem Podcast:
Über den Menschen zu sprechen, ohne ihn durch Diagnosen einzuengen, ohne ihn in Gefühlen ertrinken zu lassen, aber auch ohne das, was er erlebt, zu verharmlosen.

Denn vielleicht beginnt Heilung genau damit, den Satz zu verändern, den wir uns selbst sagen:

Nicht nur:
„Ich bin eben so.“

Sondern:
„Ich bin ein Mensch. Ich bin so. Und ich bin bereit, mich selbst zu verstehen.“

Die Inhalte dienen der Information und ersetzen keine Diagnostik oder Behandlung. In akuten Notfällen wenden Sie sich bitte an 112 / 116117 (DE) oder an die nächstgelegene medizinische Einrichtung.

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