Burnout: Er beginnt nicht mit dem Arbeiten, sondern mit dem Nicht-mehr-Fühlen

Ein modernes Paradox
Trotz unzähliger technologischer Erfindungen, die unser Leben eigentlich erleichtern sollten, leben wir in einem modernen Paradox: Wir arbeiten mehr als ein durchschnittlicher Jäger und Sammler (einschließlich alltäglicher Aufgaben etwa 5–6 Stunden pro Tag) – nämlich im Schnitt 8,3 Stunden täglich. Doch warum fühlen wir uns im Zeitalter der Produktivität erschöpfter und „ausgebrannter“ als je zuvor? Dieser Artikel beleuchtet einige der überraschendsten und wirkungsvollsten Fakten über Burnout.

Burnout ist eigentlich nur der sozial akzeptablere Name für Depression
„Burnout“ ist nach ICD-10 keine eigenständige klinische Diagnose. Historisch lautete die Bezeichnung tatsächlich „Erschöpfungsdepression“. Warum aber wurde der Begriff „Burnout“ sozial akzeptabler? Weil er impliziert, dass jemand bis zur Erschöpfung übermäßig gearbeitet hat – und das kann sogar als Zeichen von Stärke wahrgenommen werden.

„Das ist irgendwie eine sozial akzeptable Diagnose … weil sie immer impliziert, dass jemand wirklich sehr hart gearbeitet hat, bis er am Ende war.“

Tatsächlich sind die Kernsymptome – wie emotionale Erschöpfung und das Gefühl innerer Leere – nahezu identisch mit denen einer Depression. Der entscheidende Unterschied ist, dass Burnout fast immer auch eine spezifisch negative Haltung gegenüber der Arbeit beinhaltet.

Das Problem ist nicht nur viel Arbeit, sondern Anstrengung ohne Ergebnis
Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass Burnout nicht nur durch eine hohe Arbeitsbelastung entsteht, sondern auch durch das Gefühl, sich vergeblich zu bemühen. In Berufen wie der Sozialarbeit oder bei der Polizei können Menschen beispielsweise alles geben – und dennoch das Gefühl haben, keinen Unterschied zu machen oder keinen Erfolg zu erzielen. Dieses Erleben hängt mit einem Mangel an Selbstwirksamkeit zusammen: dem Gefühl, dass das eigene Handeln nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt.

Die eigentliche Gefahr liegt nicht außen, sondern innen: die eigenen Grenzen nicht mehr spüren zu können
Auch wenn äußere Faktoren wie Arbeitsbelastung oder eine schwierige Führungskraft eine Rolle spielen, ist der entscheidendere innere Faktor oft, dass jemand die eigenen Grenzen nicht mehr wahrnehmen kann. Der burnout-anfällige Persönlichkeitstyp wird häufig als „überangepasst“ beschrieben: Diese Menschen versuchen dauerhaft, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Das sind diejenigen, die – obwohl sie ohnehin schon zu viel zu tun haben – in einer Besprechung, wenn gefragt wird: ‚Wer kann diese Aufgabe übernehmen?‘, trotz vollem Terminkalender wieder sagen: ‚Ich mache das.‘“

Dieses Muster hängt oft mit einem geschwächten Selbstwertgefühl zusammen: dem Gefühl, nur dann liebenswert oder wertvoll zu sein, wenn man ständig leistet und funktioniert. Häufig in der Kindheit gelernt, führt dieses Schema dazu, dass man sich von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen abkoppelt. Dadurch wird es nahezu unmöglich zu erkennen, wann man stoppen oder „Nein“ sagen sollte.

„Burnout ist dann dieser Endzustand, in dem ich mich selbst überhaupt nicht mehr spüre.“

Der Weg in den Zusammenbruch ist ein rutschiger Boden, der mit Idealismus beginnt
Das von Freudenberger entwickelte 12-stufige Burnout-Modell zeigt, wie heimlich und schleichend dieser Prozess verlaufen kann. Das Erstaunlichste daran: Die ersten Phasen wirken oft sogar positiv – und werden in vielen Arbeitskulturen ausdrücklich gelobt.

Der Verlauf beginnt häufig mit einem starken Wunsch, sich zu beweisen, mit Idealismus und einer wachsenden Verpflichtung zu „noch mehr Einsatz“. Schritt für Schritt führt das dazu, dass Betroffene die eigenen Bedürfnisse immer geschickter übergehen und Konflikte eher unterdrücken als klären. Sogar Werte werden dabei neu interpretiert: Man legitimiert die fehlende Zeit für sich selbst etwa mit Gedanken wie: „Jetzt muss ich einfach durchziehen – ausruhen kann ich später.“

Dieser Kreislauf mündet schließlich in Rückzug – und im Zusammenbruch.

Fazit: Dein Burnout ist kein Scheitern, sondern eine Botschaft
Zusammenfassend ist Burnout weniger ein äußeres Versagen als vielmehr ein innerer Alarm, der uns zuflüstert, dass wir die Verbindung zu uns selbst verloren haben. Heilung bedeutet, nicht länger nur passiv auf Anforderungen zu reagieren, sondern wieder das Steuer des eigenen Lebens zu übernehmen, es aktiv zu gestalten – und vor allem zu lernen, die eigenen Gefühle wieder wahrzunehmen.

Welche kleine Grenze könntest du heute setzen, um dich wieder mit deinen eigenen Bedürfnissen zu verbinden?

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